Berufliche Integration und Unabhängigkeit

Yassmin Dawallu-Pöhler (Leitung von Stark im Beruf – Mütter mit Migrationshintergrund steigen ein) und Mariella Winter (Leitung von Ayandeh – Meine Zukunft!) unterhalten sich über den Wert von niedrigschwelligen Angeboten für Frauen mit Kindern. Entstanden ist ein Gespräch über strukturelle Herausforderungen, unterschiedliche Familienkonzepte, kulturelle Sozialisierung und den Wert von Feminismus in unserer Arbeit. 

YDP: Für mich liegt der Schlüssel zur Selbstständigkeit von Frauen mit Migrationshintergrund direkt im Spracherwerb. Sonst können sie keine Jobs finden, von denen sie auch tatsächlich leben können und nicht nur in prekären Beschäftigungsverhältnissen bleiben.

MW: Du hast schon viel Erfahrung im Bereich von spezifischen Frauenangeboten. Kannst du davon etwas berichten?

YDP: Ja. Als Kursleiterin in Erstorientierungskursen für Frauen in Karlsbad habe ich festgestellt, dass es ein grundlegendes Problem ist, die Frauen erst mal in die Kurse reinzubekommen, weil es zum Beispiel an den paar Euro für die Straßenbahnkarte jeden Tag fehlt. Wir haben das dann gemerkt und nach einigen Gesprächen entschieden, eine Finanzierung durch das Landratsamt für den Landkreis Karlsruhe zu beantragen, damit die Frauen überhaupt zu den Kursen kommen konnten. So konnten wir viele Interessentinnen aufnehmen, die sonst nicht hätten kommen können. Dass die Frauen ja hätten Fahrrad fahren können, ist auch nicht unbedingt ein Argument, wenn man überlegt: mit mehreren Kindern oder im Winter. Und um zu Laufen war oft der Weg zu lang.

Leider hat es bei der Maßnahme Stark im Beruf noch nicht geklappt. Ansprechpartner ist hier das Jobcenter, das bisher nicht überzeugt werden konnte. Sie verweisen auf den Karlsruher Pass, wonach die Frauen  KVV-Karten verbilligt bekommen.

MW: Da habt ihr dann mit dem Antrag beim Landratsamt eigentlich Lobbyarbeit gemacht für die Frauen. Sie selbst haben ja nicht unbedingt die Ressourcen oder Kapazitäten, um sich selbst für sowas einzusetzen. Da gibt es auf jeden Fall schon (infra-) strukturelle Hürden für Frauen, die nicht in Deutschland geboren sind.

YDP: Manchmal fährt eben der Bus nur 1x pro Stunde und nur bis 8 Uhr abends. Viele Klient*innen wurden in irgendwelchen Dörfern untergebracht, weil sie gesetzlich maximal 2 Jahre in einer Gemeinschaftsunterkunft leben dürfen. Das war teilweise echt übel. Die haben manchmal echte Bruchbuden bekommen und mussten sie annehmen. Das Jobcenter musste zahlen und die Vermieter oder die kommunale Verwaltung haben profitiert. Die Vermieter haben die Wohnungen nicht mal hergerichtet, da war teilweise Schimmel an den Wänden.

MW: Das ist ja auch gesundheitsgefährdend!

YDP: Ja absolut! Viele hatten auch kleine Kinder…

MW: Und wie lief das dann, wenn die Frauen in den Maßnahmen waren?

YDP: Bei den Kursen war ein weiteres Problem, dass in der Familie keine Ressourcen für die Frauen freigemacht wurden. Sie kamen nicht, obwohl wir Kinderbeaufsichtigung angeboten haben. Die Frauen stehen in der “Ressourcenliste” der Familien ganz unten: Mann → Kinder → Frau. In traditionellen Familienstrukturen ist die Frau eben Mutter und für den Haushalt zuständig, zumindest war/ist das bei den Frauen in unseren Maßnahmen so. Nur wenn am Ende vom Monat was an Geld übrig bleibt, kommen sie vielleicht mal dran.

MW: Und wie sieht das bei Alleinerziehenden aus?

YDP: Ja, aktuell haben wir viele Frauen, die keinen Mann haben. Auch die müssen irgendwann mal arbeiten. Die, die verheiratet sind, sehen die Notwendigkeit nicht. In manchen kulturellen Prägungen ist es auch eine Schande, wenn eine Frau arbeiten muss. Da gibt es auch Differenzen zwischen den Frauen untereinander, nach dem Motto “Die muss arbeiten gehen = die Arme!” Aber wenn sie regelmäßig an den Maßnahmen teilnehmen und mit den anderen Frauen zusammenkommen, die in der gleichen Situation sind und aus der gleichen Kultur kommen und die auch gerne arbeiten würden, dann sehen sie das häufig nicht mehr als Schande. Es gibt eben gute Beispiele.

Außerdem gibt es den Effekt, dass sie lernen, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort bestimmte Sachen zu machen. Damit werden auch Aufgaben in der Familie neu organisiert, damit ein Berufsleben ermöglicht werden kann. Wenn sie dann manche Sachen mit unserer Unterstützung gemacht haben, konnten sie sich auch eher vorstellen, Sachen alleine zu machen: Wohnungsbesichtigungen, Telefonate mit dem Jobcenter, Termine ausmachen usw.

MW: Das Zutrauen in die eigenen Kompetenzen steigt dann an?

YDP: Ja und sie fangen an, stolz auf sich selbst zu sein. So haben sie auch viele andere Angebote kennengelernt, auf die sie durch das Jobcenter ein Anrecht haben: Sportangebote oder Vereinsmitgliedschaften für sich selbst oder die Kinder zum Beispiel. Leider ist das Jobcenter seit Beginn der Pandemie nicht mehr so gut erreichbar. Die Klient*innen können keine Termine mehr vor Ort wahrnehmen. Das ist super hochschwellig. Das musste ich auch erst mal verstehen: Alleine, wenn man dort anruft und diese Ansage kommt, muss man die Kundennummer angeben mit jedem Schrägstrich und anderen Satzzeichen. Das ist eine große Hürde, denn sonst kommst du nicht bei der richtigen Person raus. Und viele Frauen mussten im Lockdown umziehen, also Formulare ausfüllen, Erstausstattung bekommen, Kaution bezahlen und vieles mehr.

MW: Das sind sehr hohe bürokratische Hürden, die da gesetzt werden. Die führen dazu, dass Menschen in ihrer Selbstbestimmtheit eingeschränkt werden und dass ihnen quasi die Selbstwirksamkeit abgesprochen wird.

YDP: Ja. Und plötzlich haben viele Wohnungseigentümer gemerkt, dass sie auf der sicheren Seite sind, wenn das Jobcenter die Kosten für die Miete übernimmt. Gerade in der Zeit, als Mieter nicht rausgeworfen werden durften, die wegen der Corona-Pandemie kein Einkommen mehr hatten und eben keine Miete mehr zahlen konnten. Da waren unsere Klientinnen mit Wohnberechtigungsschein plötzlich beliebt bei Vermietern.

MW: Daran sieht man so gut, wie in diesem System und gerade in der aktuellen Zeit alles miteinander zusammenhängt! Hast du auch Erfahrungen gemacht mit Frauen, die aus der Maßnahme ausgestiegen sind?

YDP: Ja, die Frauen, die sich einfach nicht mehr melden oder die eben abgesprungen sind, sind am ehesten die, die verheiratet sind. Aber 90% unserer Klientinnen sind alleinerziehend. Bei denen, die abgesprungen sind, haben wir einen Motivationsabbruch bemerkt, sobald der Mann zurückgekommen ist, selbst nach schlimmen (psychischen und emotionalen) Verletzungen vorher. Zwei Frauen haben es geschafft, aus prekären Ehen herauszukommen. Sie haben gelernt, nicht mit ihrem Schicksal zu hadern, wenn sie aus ihrer Ehe rauskommen wollten. Es gab ja schon andere Frauen im Kurs, die das schon vorher geschafft haben und die Unterstützung durch Projekte wie unsere gefunden haben.

Viele Frauen denken, sie schaffen das nicht alleine und belassen es deshalb lieber beim Alten. Also wir haben jetzt keine dazu angestiftet, sich zu trennen. Der Wunsch war schon vorher da und da ist vorher auch schon einiges zusammengekommen. Außerdem haben wir andere Lebensmodelle vorgestellt. Wir haben dabei nicht priorisiert und gesagt, die klassische Kernfamilie ist das Nonplusultra. Wir haben nur gesagt, dass eine Familie auch aus Frau / Frau oder Mann / Mann bestehen kann. Oder nur Mama und Kinder oder Papa und Kinder.

Für manche Personen kann das auch augenöffnend sein. Beispielsweise hatten wir eine Frau, die von ihren Kindern durch den Familiennachzug aus Syrien nachgeholt wurde. Sie hat nach der Vorstellung der Familienmodelle gesagt “Ach, eine Frau… Vielleicht wäre das ja etwas für mich.” Oder wir haben das Zeichen für häusliche Gewalt in Videokonferenzen erklärt und gesagt, dass sie aufmerksam sein sollen, falls eine Freundin das mal zeigt. Das war wichtig, dabei nicht sie selbst anzusprechen, sowas kommt nicht so gut an. Aber nun kennen sie das Handzeichen und können es im Notfall selbst benutzen.

MW: Wie kommen diese Themen denn sonst so bei den Teilnehmerinnen an?

YDP: Manche sind da sehr offen oder sogar gleichgültig. Andere, die eher religiös geprägt sind, sagen eben das ist nicht erlaubt. Punkt, Ende. Da ist der Zugang etwas schwieriger. Aber wir sagen ja auch nicht, dass sie das machen müssen oder so. Wir rufen nur zur Toleranz auf: man muss das nicht selber machen aber man sollte es auch nicht verteufeln. Manche kommen auch aus sehr patriarchal geprägten Familienmodellen, da ist das eh kein Thema.

MW: Okay, fassen wir mal die wichtigsten Punkte für die Arbeit mit Frauen mit Migrationshintergrund zusammen.

YDP: Also an erster Stelle steht auf jeden Fall der Spracherwerb. Ohne das geht es kaum. Dann kommt eine gewisse Integration in die Gesellschaft. Das können auch kleine Sachen sein und sie müssen wirklich nicht alles machen, was “deutsche” Frauen machen. Aber ein bisschen reicht schon, zum Beispiel beim Kindergartenfest mit dabei zu sein. Also ein Teil von etwas zu sein, sich selbst ein Netzwerk aufzubauen, Connections zu schaffen. Dann eben drittens, dass sie sich und ihren Familien bewusst machen, dass sie auch eigene Bedürfnisse haben, gerade in sehr traditionellen Familienkontexten. Und dass diese Bedürfnisse eben nicht an letzter Stelle stehen sollten.

MW: Du hast vorhin das Thema Stolz angesprochen, das finde ich auch noch sehr wichtig.

YDP: Stolz sein, auf die kleinen Dinge, wie aus den eigenen vier Wänden rauskommen und dann kleine Sachen selbst erledigen. Kleine Schritte machen. Und bevor sie anfangen zu arbeiten müssen sie in der Familie eine Akzeptanz dafür schaffen, dass ihre Arbeit auch viel Wert ist und nicht einfach nebenher passiert. Das ist genauso wichtig, wie die Arbeit von Papa. Darin steckt eine große Herausforderung. Es ist notwendig, dass die Frauen selbst auch so denken. Die Arbeit muss als für sie selbst und für die eigene Zukunft zielführend und wichtig angesehen werden.

MW: Sozusagen eine Motivation von innen heraus.

YDP: Wenn man hier Fuß fassen möchte, muss man sich ein paar Sachen doch selbst aneignen, die eigenen Arbeit muss auch ernstgenommen und wertgeschätzt werden. Die eigene Zukunft sollte nicht nur vom Ehemann abhängig sein, denn ihm kann auch etwas passieren und dann müssen sie für sich selbst sorgen können.

MW: Hier finde ich auch die Seite des Arbeitgebers total wichtig. Dass das akzeptiert wird, dass Frauen, die für den Arbeitgeber arbeiten, teilweise anders sozialisiert sind. Also auch auf die institutionelle Ebene zu gehen und da was anzuregen. Wir vermitteln ja auch viel und da braucht es ein Verständnis von beiden Seiten. Es ist also wichtig, Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, die auch zur Lebenswelt, zu den Erfahrungen und ganz wichtig zu den Kompetenzen und Fähigkeiten der Personen passen. Hier muss noch einiges passieren.

YDP: Frauen kämpfen nicht nur dafür, dass sie selbst eine gute Arbeit finden, sondern auch manchmal gegen ihre “Gleichgesinnten”, die der Meinung sind, dass es eine Schande wäre, wenn sie arbeiten gehen. Das ist gleich auf mehreren Ebenen so.

MW: Ich finde, unsere Arbeit in den Projekten hat schon auch etwas mit meinem persönlichen Bezug zu Feminismus zu tun. Es geht ja darum, Strukturen zu erkennen, die dazu führen, dass Menschen benachteiligt werden. Viele Klientinnen sind von mehreren Diskriminierungsformen betroffen, die miteinander verbunden sind: da kommen Sexismus, (antimuslimischer) Rassismus, teilweise Klassismus oder Diskriminierung aufgrund der Sprache zusammen. Für mich bedeutet Feminismus auch, meine eigenen Ressourcen zu nutzen und zu teilen und mich für andere Frauen einzusetzen. Für sie aufzustehen, damit sie auch für sich und für andere aufstehen können.