Eritrea: Politik kann niemand entkommen

Job lebt seit 1981 in Deutschland. Aus seinem Heimatland Eritrea floh er, wie ca. ein Drittel der Bevölkerung, während des Unabhängigkeitskrieges (1961-1991). Im Verlauf seiner Jahre in Deutschland arbeitete er als Drucker, danach als Chemiker. Seit vier Jahren ist er für den fka als Berater und Dolmetscher für Geflüchtete ehrenamtlich tätig. Um einen Kontext für Jobs Erfahrungen und Aussagen zu schaffen, müssen wir uns kurz mit der modernen Geschichte Eritreas befassen, denn die Entstehung der eritreischen Diaspora ist untrennbar damit verbunden.

Als Nationalstaat ist Eritrea der zweitjüngste auf dem afrikanischen Kontinent, die formelle Unabhängigkeit von Äthiopien erlangte das Land nach langjährigem Unabhängigkeitskampf erst 1993. Strategisch günstig an der Küste des Roten Meeres gelegen,  blickt das Land auf eine bewegte Geschichte zurück. Die heutigen Landesgrenzen sind eine Folge der italienischen Kolonialisierung 1890 – 1936. Durch ein Mandat der Vereinten Nationen entstand nach dem zweiten Weltkrieg eine Föderation der Provinz Eritrea mit dem Kaiserreich Äthiopien. Diese Föderation wurde 1962 offiziell aufgelöst, nachdem der äthiopische Kaiser Haile Selassie die Provinz Eritrea quasi annektierte. Schon ein Jahr zuvor hatten Separatisten zu den Waffen gegriffen. Die 1960 gegründete Eritreische Befreiungsfront (Eritrean Liberation Front, ELF) leitete einen Unabhängigkeitskrieg ein, der bis 1991 andauerte.

Anfang der 1970er Jahre spaltete sich die Eritreische Volksbefreiungsfront (Eritrean People’s Liberation Front, EPLF) als christlich dominierter Flügel von der muslimisch/christlich dominierten ELF ab und die beiden Organisationen befanden sich in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand, bevor die EPLF Ende der 1970er die Oberhand gewann. Die EPLF konnte sich, zum Teil bedingt durch den Zusammenbruch des kommunistischen Regierungssystems in Äthiopien 1991, in ganz Eritrea durchsetzen und verkündete nach einem Referendum 1993 die Unabhängigkeit Eritreas. Ein Jahr später benannte sich die EPLF in Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit (People’s Front for Democracy and Justice, PFDJ) um und bildet seitdem unter der Führung Isaias Aferwerkis die einzige zugelassene politische Organisation oder Partei in Eritrea.

Die eritreische Regierung, inzwischen eine Militärdiktatur, geht aggressiv gegen ihre eigene Bevölkerung vor. Regierungskritiker*innen, Deserteur*innen, und im Ausland Asyl ersuchende Eritreer*innen wurden und werden inhaftiert. Fast eine halbe Million Menschen musste 2017 das Land verlassen.Die meisten von ihnen flohen in das benachbarte Äthiopien und den Sudan, dicht gefolgt von Deutschland, dem drittgrößten Aufnahmeland für Eritreer*innen im Jahr 2017 (The American Team for Displaced Eritreans, 2019).

Über das Patenschaftsprogramm „Menschen stärken Menschen“ setzt sich Job Maasho als Mentee für geflüchtete Eritreer*innen ein, um ihnen das Ankommen zu erleichtern, ihre Selbstständigkeit im Alltagshandeln zu fördern sowie Missverständnisse und Fehlinformationen zu bekämpfen. „Ich möchte helfen, damit sie mit ihrer Situation zurechtkommen und zufrieden sind.“ Dieses Ziel verfolgt Job in seiner wöchentlichen Ostafrika-Sprechstunde im Menschenrechtszentrum. Er berät in den Sprachen Tigrinia, Amharisch, Englisch und Deutsch. Neben seinem Sprechstundenangebot steht Job auch als Dolmetscher in der Rechtsberatung sowie bei externen Terminen z. B. in Schulen, im Jugendamt, bei Ärzt*innen, bei Gericht usw. zur Verfügung. Außerdem dolmetscht er bei transkulturellen Workshops für Ehrenamtliche und Geflüchtete. Und wenn er nicht gerade seine Sprechstunde durchführt oder Menschen auf Termine begleitet kann man wetten, dass Job telefoniert. Die Fragen und Anliegen seiner Patennehmer*innen sind nicht an feste Tage und Zeiten gebunden.

Aus Jobs Sicht ist die Arbeit innerhalb der Diaspora aufgrund ihrer Politisierung schwierig. Die eritreische Regierung beeinflusst bewusst das Verhältnis zwischen den in der Diaspora lebenden Eritreer*innen, deren Anzahl aufgrund mehrerer Ströme der Zwangsmigration kontinuierlich zunimmt. Der Kampf um die Unabhängigkeit dauerte über drei Jahrzehnte ohne offizielle externe Hilfe aus den Ländern des globalen Nordens inklusive des sogenannten Ostblocks. Aufgrund dessen musste Eritrea auf seine eigenen Ressourcen zurückgreifen, vor allem auf die Menschen in der Diaspora. Die EPLF erkannte die Bedeutung ihres Engagements früh und gründete Massenorganisationen, später abgelöst von sogenannten mahbere-kom, vorgeblich unpolitische Kultur- oder Gemeindeverbände – mit Zweigstellen in Übersee -, um die Diasporagemeinschaften zu organisieren sowie Spenden zu sammeln.

Jobs persönliche politische Einstellung beeinflusst ebenfalls seine Arbeit und seine Beziehung zur Diaspora. Während er als Privatperson immer bereit ist, Menschen zu helfen, unabhängig davon ob sie Regierungsanhänger*innen sind oder nicht, hofft er, durch seine Arbeit regierungstreue Menschen eine andere politische Sichtweise anzubieten. „Ich möchte, dass sie sehen, wie die Regierung wirklich ist, damit sie sich davon distanzieren.“ Job berichtet, dass die politische Spaltung innerhalb der Diaspora zu einem gegenseitigen Misstrauen beiträgt. Beispielsweise fürchten sich viele Geflüchtete, die er betreut, vor regierungstreuen Dolmetscher*innen, die ihre Aussagen bei Asylanhörungen falsch übersetzen bzw. weitergeben könnten.

Wie Job anmerkt, können sich Eritreer*innen in Deutschland dem Einflussbereich des autokratischen Regimes von Isaias Afewerki nicht vollständig entziehen. Ein Beispiel hierfür ist die sogenannte Diaspora-Steuer, die 1993 von der aus EPLF-Führung bestehenden Übergangsregierung eingeführt wurde, um den Wiederaufbau der Nation zu fördern. Sie verlangt, dass im Ausland lebende Eritreer*innen zwei Prozent ihres Einkommens abführen, unabhängig davon, ob das Einkommen aus Arbeit oder Sozialleistungen erzielt wird. Rund ein Drittel des eritreischen Haushalts allein stammt aus der Diaspora-Steuer (Quelle: Hirt, für Bundeszentrale für politische Bildung, 2020). Die Bescheinigung, die Eritreer*innen nach Entrichtung diesen Beitrags erhalten, ist Voraussetzung für Pass- und Urkundenbeschaffung sowie Leistungsanspruch eritreischer Botschaften und muss vorgelegt werden, um Eigentum in Eritrea zu kaufen oder erben zu dürfen. Dies ist auch der Grund, weshalb Jobs Elternhaus immer noch unter dem Namen von Jobs verstorbenen Eltern registriert ist. Da Job sich gegen die Diaspora-Steuer wehrt, kann er das Haus nicht offiziell erben. Seine Kinder bekommen aus demselben Grund keinen eritreischen Pass ausgestellt. “Wir brauchen aber keinen Pass, um eritreisch zu sein,” erklärt Job.

Job betont, es gäbe nicht die eritreische Kultur: „Viele Kulturen machen Eritrea aus. Die neun Nationalitäten haben ihre eigenen Eigenschaften und zusammen bilden sie Eritrea.“ Beispielsweise sind die Tänze, die in Deutschland als ‚eritreischer Tanz’ bezeichnet werden, je nach kulturellem Hintergrund der Tänzer*innen unterschiedlich. Dabei bezieht sich Job auf die neun größeren ethnischen Gruppen seines Heimatlandes. Die größte sind die Tigrinya (55%), deren Sprache Tigrinya seit 1952 neben Arabisch die Amtssprache Eritreas ist und die innerhalb der eritreischen Regierung und dem Militär am stärksten vertreten sind.

Religion spiele eine große Rolle im Alltag für die eritreische Diaspora und den meisten christlichen und muslimischen Eritreer*innen sei es wichtig, die religiösen Feste zu feiern. „Eritreische Menschen kommen über verschiedene Wege nach Deutschland und Religion begleitet sie durch alle Probleme,“ sagt Job dazu. Auch ein gegenseitiges Beachten und Gratulieren zu den jeweiligen christlichen und muslimische Feiertagen findet innerhalb der Diaspora statt. Job selbst bezeichnet sich als Atheist und pflegt seine eritreischen kulturellen Traditionen weniger streng als viele seiner Landsleute.

Viele Menschen trauen sich dennoch nicht mehr in die Kirchen, da sie mit dem politischen Konflikt nichts zu tun haben wollen. “Eritreer[*innen] suchen einen Ort, an dem sie ihren Glauben ausüben können und wir wollten einen Ort gründen, wo Leute ohne Druck von der Regierung beten können,” erzählt Job. Daher setzte er sich für die Gründung einer regierungsunabhängiger Kirche in Form eines Vereins in Karlsruhe ein. Die Mehrheit der nach Deutschland fliehenden Eritreer*innen sind eritreisch-orthodoxe Christen. In anderen Städten seien die eritreisch-orthodoxe Kirchen von der Regierung beeinflusst, die Pfarrer würden mit der Einwilligung der eritreischen Regierung nach Deutschland kommen und sammeln für kirchliche Leistungen wie Taufen und Eheschließungen Gebühren.

Zur Frage, ob es trotz der politischen Auseinandersetzungen auch gegenseitige Unterstützung innerhalb der Diaspora gibt, merkt Job an: „Am Anfang helfen sich die Leute gegenseitig. Vor allem in schwierigen und herausfordernden Situation helfen sie viel. Nach einiger Zeit verläuft sich das aber, wenn die [asylrechtlichen] Probleme behoben wurden.“ Er verstehe das Phänomen nicht und wovon die Menschen es abhängig machen, ihren Landsleuten zu helfen.

Wie sieht es bezüglich politische Einstellung bei der nächsten Generation von Eritreer*innen in der Diaspora aus? Die Beteiligung der Diaspora-Jugend zu stärken ist ein Anliegen der eritreischen Regierung, die 2004 die Junge Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit (Young People’s Front for Democracy and Justice, YPFDJ) einrichtete. Das Bild Eritreas, das bei deren Veranstaltungen gefördert wird, unterscheidet sich stark von der gelebten Realität der jungen eritreischen Geflüchteten, die vor allem vor dem auf unbestimmte Zeit verlängerten obligatorischen nationalen Dienst (Warsay-Yikealo Development Campaign, WYDC) geflüchtet sind. Job sagt, er könne sich nicht in die junge Generation hineinversetzten aber bezieht sich auf seine Kinder, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind: „Meine Kinder spüren den Konflikt, sie haben aber eine neutrale Einstellung.“ Der Grund hierfür sei, dass die Kinder den Konflikt bzw. den Krieg nicht selbst erlebt haben und sie sich weniger intensiv mit der Historie und dem Hintergrund von Eritrea befassen. Allerdings wünschen sie sich auch, dass Eritrea ein demokratisches Land wird. Und wie können die nächsten Generationen diese Konflikte untereinander beseitigen? Darauf hat Job eine klare Antwort: „Wenn die Regierung beseitigt wird.“