Menschenwürde?

Eine Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation in Bosnien

An den Außengrenzen der EU, wenige Kilometer von Kroatien entfernt im Nordwesten von Bosnien und Herzegowina, sitzen mehrere Tausend Menschen fest. Nach dem Brand im Lager Lipa leben viele von ihnen inzwischen in verfallenen Ruinen in der Nähe der Stadt Bihać.

“Leben”.

In ihrem Fall muss wohl eher von “überleben” gesprochen werden. Bei tödlichen Temperaturen von bis zu -16° C, ohne Wasser- und Stromversorgung. Hinzu kommt die mehr als mangelhafte Versorgung mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln. Und das mitten in einer Pandemie von ungeahntem Ausmaß.

Unter den Flüchtenden sind viele junge Männer, doch nicht ausschließlich. Es sind auch Familien, ältere Menschen, Frauen*, (unbegleitete) Minderjährige, Kinder. Sie berichten von illegalen Push-Backs an den Grenzübergängen zu Kroatien, von physischer Gewalt, von Verbrennung der gerade noch übrig gebliebenen Güter durch Beamte des kroatischen (ergo europäischen) Grenzschutzes.

EU, wie steht’s denn nun um die Menschenwürde? Wie sieht’s denn aus mit den Menschenrechten? Selbst wenn es sich ausschließlich um junge Männer handeln würde (was nicht der Fall ist), gelten die Menschenrechte denn nicht für sie? Haben sie denn kein Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit (Art. 3 EMRK)? Haben sie nicht das Recht auf ein faires (Asyl-) Verfahren (Art. 6 EMRK)? Mit jedem Stoß, Schlag, Stich, mit jeder Flamme und jedem Übergriff schneidest du dir selbst ins Fleisch, zerstörst deine Integrität, wirst zu einer erbarmungslosen Heuchlerin.

Die Schutzsuchenden in ein neues Lager zu verlegen bedeutet keine Hilfe. Denn ein Lager ist ein Lager ist ein Lager ist ein Lager! Ein Lager! Für Menschen!

Der Umgang mit den Lagern innerhalb der EU-Grenzen ist nicht nur furchterregend, er ist auch perfide und sehr wohl so geplant. Die Gründe, warum Menschen beispielsweise auf Lesbos noch immer nicht gerettet wurden, haben Kalkül. Die Gründe sind rassistisch, von Kapitalinteressen geleitet und menschenverachtend. Und Menschen immer wieder an der Grenze, an einer Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben, zu hindern, das, liebe EU, hattest du dir das nicht selbst verboten? Und das gleich mehrfach: durch die Genfer Flüchtlingskonvention und durch die Europäische Menschenrechtskonvention.

Wie viele Städte haben sich inzwischen zu sicheren Häfen erklärt? Wie viele haben gesagt: “Wir haben Platz!”? Sicher, dass Menschen aus diesen grauenhaften Verhältnissen nicht gerettet werden ist auch Mitschuld gewisser Innenminister, hier wirft sich die Frage auf, wer denn nun am längeren Hebel sitzt und wo denn nun noch mal die “europäischen Grundwerte” sind.

Mit Mitleidsbekundungen und Betroffenheit zu reagieren ist nicht ausreichend! Auch bieten Lieferungen von Hilfsgütern oder finanzielle Unterstützung offensichtlich nicht genug Zukunftsperspektiven. Es sind keine Millionen Menschen, die da vor den Toren der Festung Europa stehen, es sind einige Tausende.

Die Menschen im Nordwesten von Bosnien und Herzegowina fliehen vor Krieg, Vertreibung, Verfolgung, Elend – woran einige der EU-Staaten nicht ganz unbeteiligt sind (Stichwort Waffenlieferungen in Krisengebiete). Sie stranden in europäischen Lagern, wo sie verhungern, erfrieren, oder sich mit dem Coronavirus infizieren.

Die Menschen leiden nicht nur, sie sterben.

Und wir schauen kurz hin. Und dann wieder weg.

Und bei all dem Hin- und Wegschauen vergessen wir, die wir ja so besorgt sind um die Einhaltung der Menschenrechte, dass wir uns über handlungsfähige, eigenmächtige Individuen unterhalten.

Menschen, die rebellieren, gegen die Zustände.

Menschen, die sich nicht gefallen lassen, wie sie behandelt werden.

Menschen, die versuchen, unter den furchtbaren Umständen bestmöglichst für sich selbst zu sorgen.

Menschen, die sich weigern, in ein weiteres Lager zu gehen.

Menschen, die kurz vor der Räumung des Lagers von Lipa ihre Zelte selbst angezündet haben, als ein Zeichen des Widerstandes, des Unmutes.

Indem wir nur den Finger anklagend gegen die Abschottungspolitik der EU erheben, betreiben wir genauso Othering; sprechen den Menschen, mit denen wir uns solidarisch zeigen wollen, ihre Handlungsfähigkeit ab. Die aktive Handlung des Verbrennens muss als Akt der Verteidigung gesehen werden und als Anklage gegen die Institutionen, die versuchen, ihnen ihre Rechte vorzuenthalten.

Die Menschen berichten, in den heruntergekommenen Ruinen gehe es ihnen besser, als im Lager von Lipa. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie dort bleiben sollten.