Palästina: Leben mit Al Audaa (die Rückkehr)

“Seit mehr als siebzig Jahren befindet sich Palästina in einem palästinensischen-israelischen Konflikt, infolge dessen vielen Palästinenser*innen aus ihren Geburts- und Wohnorten vertrieben wurden (1948). Eine zweite große Fluchtbewegung gab es im Jahr 1967, als sich Angehörige der Bevölkerungsgruppe erneut dazu gezwungen sahen, ihre Heimatorte und Zufluchtsstätten zu verlassen.

Um diese beiden Gruppen voneinander unterscheiden zu können, nannte man erstere Lageen (arab. für Flüchtling) und letztere Nazehin, was so viel bedeutet wie “Vertriebene, die in ihrem eigenen Land geblieben sind”.  Die  meisten der Nazehin haben eine Flucht zwei Mal durchlebt. Eine Tatsache, die an sich schon schwer wiegt, durch den Umstand, dass manche Hilfsorganisationen (u. a. UNRAWA) sie nicht registrierten und Betroffene somit von Hilfestellungen und Versorgungsleistungen ausgeschlossen waren, noch härter ist. Auch wenn eine solche Unterstützung niemals die Verluste der Flüchtlinge oder der Vertriebenen ersetzen kann, so ist sie für die meisten Familien dennoch unschätzbar wertvoll.

Heutzutage leben Generationen von palästinensischen Flüchtlingen über verschiedene Länder verteilt. Die meisten von ihnen leben bis heute in Flüchtlingslagern der Nachbarländer Jordanien, Syrien, und Libanon. Ihr Leben ist geprägt von Arbeitslosigkeit und Armut, weshalb die eigene Weiterbildung sowie die Ausbildung der Kinder einen immer höheren Stellenwert einnimmt. Die meisten Palästinenser*innen älterer Generationen haben sich den Lebensunterhalt in ihrer Heimat noch durch Landwirtschaft verdient und weniger Wert auf eine Ausbildung oder Schulbildung gelegt. Durch Kriege und Konflikte verloren sie ihr Land und damit ihre einzige Einkommensquelle und Altersvorsorge. Gleichzeitig konnten sie beobachten, dass die Menschen in größeren Städten, die in Büros für Firmen arbeiteten, nicht so sehr von der Arbeitslosigkeit betroffen waren. Daraus entwickelte sich eine Erkenntnis, die sich Generation für Generation verfestigte: Eine Schul- oder Ausbildung steigert die Chancen auf ein geregeltes Einkommen und somit die Möglichkeit, sich selbst und der Familie eine sicherere Zukunft zu geben. Leider haben Angehörige der Diaspora immer noch Schwierigkeiten dabei, eine Arbeit zu finden. Eine neue Sprache zu erlernen ist ebenfalls nicht leicht.

Angehörige der palästinensischen Diaspora außerhalb der arabischen Länder (viele sind in die USA oder nach Europa geflohen) versuchen sich zu vernetzen, um nicht in der neuen Gesellschaft mit einer anderen Kultur, einer anderen Sprache und Mentalität, anderen Religionen, Sitten und Ritualen verloren zu gehen. Diese interkulturellen Unterschiede stärken den Zusammenhalt zwischen Palästinenser*innen. Gemeinsam versuchen sie, ihre alten Traditionen, die arabische Sprache sowie deren alte Akzente – kurz gesagt: ihre alte/ursprüngliche Identität – zu bewahren. All dies geschieht nicht zuletzt in der Hoffnung, eines Tages nach Palästina zurückkehren zu können. Diese Hoffnung wächst stetig. Nach einem Besuch in der Heimat ist sie besonders stark. Die Rückkehr (Al-audaa) wird in der palästinensischen Diaspora viel diskutiert und meint in diesem Kontext das Recht auf Heimkehr. Durch diese Hoffnung behält die palästinensische Diaspora bis heute die Erinnerung an ihre erste Flucht wach. Angehörige erinnern sich an die Häuser, die wahrscheinlich nicht mehr existieren und geben Erzählungen über ihre Flucht an jüngere Generationen weiter.

Die geschilderten Umstände hindern Palästinenser*innen jedoch nicht daran, sich auch in das neue Umfeld zu integrieren. Sie lernen die neue Sprache und bemühen sich, durch ihre Arbeit und das Knüpfen von Kontakten zu Angehörigen verschiedener Kulturen ein aktiver Teil der Gesellschaft zu werden. Ein Großteil meiner Familie lebt beispielsweise in den USA. Dort befinden sich Menschen palästinensischer Herkunft zwar in einem neuen Land mit einer neuen Sprache, neuen Sitten und anderen Religionen, dennoch werden sie mit der Zeit Teil dieser neuen Gesellschaft. Allerdings dürfen in der palästinischen Küche bei den meisten, wenn nicht sogar bei allen Familien einige Rezepte, wie Falafel oder Mankisch (Fladenbrot mit Thymian) nicht fehlen. Sie werden weitergegeben, die Tradition bewahrt. In traurigen ebenso wie in freudigen Zeiten.