Selbstbestimmung von Betroffenen sexualisierter Gewalt

Feminismus bei atman

In den verschiedenen Projekten von atman – Institut für seelische Gesundheit und Migration sind traumatisierte oder psychisch belastete geflüchtete und migrantische Frauen besonders bedacht. Wir arbeiten mit kultursensiblen Dolmetscherinnen und Therapeutinnen zusammen und zielen auf eine Bestärkung der Frauen, damit sie ihr Leben selbstbestimmt leben können und um ihnen das Ankommen zu erleichtern.

Im Laufe unserer Arbeit haben wir gemerkt, dass v. a. Frauen, die Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind, einen sicheren Raum brauchen, um wieder in ihre Kraft und Stärke zu kommen. Oftmals haben diese Frauen ihr Vertrauen in sich selbst verloren und wagen nicht, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Um sich selbst erneut mit den ganz eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu spüren, bieten wir ihnen zeitweise eine Unterstützung durch unsere Fachtherapeutinnen und Kulturmittlerinnen an.

Die meisten betroffenen Frauen sind schwer traumatisiert und finden nur schwer einen Zugang zu sich selbst. Gemäß der Philosophie des atman – Instituts unterstützen wir diese Frauen unter Berücksichtigung des jeweiligen kulturellen Hintergrundes.  Es ist unser Ziel, die Frauen in ihrem ganz eigenen Frausein zu bestärken, die Auffassung der Gleichwertigkeit wiederherzustellen und Wege aufzuzeigen, für gleiche Rechte und Freiheit zu kämpfen.

Es ist ein langer Prozess, den die Frauen in ihrer eigenen Geschwindigkeit mitgestalten und den wir behutsam begleiten. Die Klientinnen unterstützen wir immer individuell, d. h. kultursensibel und unter Beachtung ihrer persönlichen Lebensgeschichte. In unseren verschiedenen Angeboten, wie Einzelsitzungen, der Nähstube oder beim Yoga, nehmen wir auf verschiedenen Ebenen mit den Frauen Kontakt auf und schauen, was ihnen am ehesten entspricht. Dadurch erlangen wir einen tieferen Zugang zu ihnen und unterstützen sie dabei, mit sich selbst in Verbindung zu kommen.

Um einen Einblick in unsere Arbeit zu geben, hier einige Statements, wie wir unsere Arbeit betrachten. Dies zeigt auch die vielfältigen Perspektiven von Feminismus oder feministischer Arbeit:

 

  • Jessica, Projektleitung: Frauen mit Gewalterfahrungen haben oftmals verlernt, für sich selbst einzustehen und ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche durchzusetzen und meist auch diese überhaupt zu kennen. Die Gedanken drehen sich oftmals nur darum, sich selbst schützen zu müssen. Die Frauen leben in einer ständigen Angst vor erneuter Gewalt. Sie versuchen dies zu verhindern, indem sie sich an die Vorstellungen von denen, die Gewalt ausüben, anpassen. Sich selbst aber wahrzunehmen, die eigene Stärke zu spüren und den ganz eigenen Lebenswünschen zu folgen, ist für mich der Ausgangspunkt für ein selbstbestimmtes Leben, was für mich einen lebensnahen Feminismus darstellt. Oftmals ist es ein jahrelanger Weg für sie, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. In der Zeit, wo wir mit ihnen im Kontakt sind, versuchen wir, sie als unsere Schwestern zu stützen und stärken und ihnen eine ermutigende Zeit zu geben.

 

  • Malin, Koordinatorin: In den Erstgesprächen oder auch beim Übersetzen in den stabilisierenden Einzelsitzungen fand ich oft die Stärke der Frauen trotz dieser ganzen schweren Erfahrungen (die sie in ihrem jungen Leben bereits gemacht haben) sehr beeindruckend. Mir ist es wichtig, mich für andere Frauen empowernd einzusetzen, wenn es in meinen Möglichkeiten liegt. Bei atman geschieht dies auf eine vielfältige Art, da durch die verschiedenen Angebote ein direkter Zugang zu Unterstützung und ein zwischenmenschlicher Austausch entsteht. Die Erleichterung und Freude bei den Klient*innen, die bereits durch Zuhören entsteht und einen Ort, wo sie  für verschiedene Fragen hinkommen können, bestärkt mich in meiner Arbeit. Vor allem für Frauen, die Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind und oftmals nicht sichtbar und alleine gelassen in der Gesellschaft sind. Dies zu ändern und diese Frauen ein Stück auf ihrem schwierigen Weg zu begleiten, ist mir ein besonderes Anliegen.

 

  • Ahmad, Praktikant: Als Mann versuche ich, so viel wie möglich Frauen zu helfen, die von körperlicher und sexueller Gewalt betroffen sind. Diese negativen Erfahrungen sind manchmal ein Hindernis für Frauen, aber auf verschiedene Weise versuche ich, alle Hindernisse zu beseitigen, um das Vertrauen dieser Gruppe von Frauen zu gewinnen. Dies kann nur durch harte Arbeit und Beharrlichkeit erreicht werden.

 

  • Meera, Mitarbeiterin für Frauenprojekte bei atman: Das atman Projekt gab mir die Möglichkeit, so viele verschiedene Frauen aus verschiedenen Kulturen kennenzulernen und deren Leben zu verstehen. Jede einzelne dieser Frauen stammt aus einer anderen Kultur und hat eine eigene Geschichte zu erzählen, die sie geformt hat und Stärke mitgegeben hat. Trotz dieser kulturellen Unterschiede und verschiedenen Altersgruppen haben sie etwas gemeinsam: Jede einzelne von ihnen ist eine Frau. Diese Frauen tragen die Erfahrungen und Erlebnisse, die durch Gewalt und Missbrauch entstanden sind, für den Rest ihres Lebens mit sich. Hierbei ist es notwendig, diesen Frauen eine Last abzunehmen und ihnen eine Stimme zu geben, das Gefühl von Gemeinschaft, Liebe und Freiheit mitzugeben und ihre Geschichte zu hören. Feminismus bedeutet Freiheit, so dass diese verschiedenen Frauen unterschiedlicher Kulturen ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben führen dürfen. Wir möchten mit unserer Unterstützung traumatisierten Frauen einen neuen Start mitgeben in einer Frauengemeinschaft … von Frau zu Frau.

 

Aus den Sitzungen mit Klientinnen hat unsere Therapeutin Tania einige Zitate gesammelt, die die akute Situation dieser Frauen deutlich machen.

 

“What I learned with you still helps me when everything else overwhelms me.”

„I found that there is still peace inside me.“

„I felt that someone cares.“

„I could finally let go“

„I am not alone“

„I thought I am evil for feeling such rage – the shame about that was killing me“

 

Unserer Wahrnehmung und Erfahrung nach ist das, was die von Menschenhandel betroffenen Frauen, die wir über das Justice Projekt begleiten, konkret brauchen, um über Schamgefühle und Objektivierung hinwegzukommen, Zuspruch und ein äußerlich geschützter Raum, damit dies auch im Inneren wieder erlebt werden kann. Diese Frauen brauchen oftmals eine Stärkung von außen (Community), um den Mut zu haben, sich ihre Rechte zu nehmen und sich in ihrem Frau-Sein wiederzufinden. Das heißt, ein Hilfenetzwerk kann dazu beitragen, ihnen bewusst zu machen „Ja du darfst fordern und ja du kannst dein Leben selbstbestimmt leben“.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Wahrnehmung und Wertschätzung der Stärke dieser Frauen. Oftmals zeigen sie eine unglaubliche innere Stärke/Resilienz, um überhaupt alles, was sie erlebt haben, verkraften zu können. Dies zu betonen und daran anzuknüpfen kann die eigenen Ressourcen der Frauen stärken. Zudem wird dadurch ein Gegenpol zur Opfer-Narrative gebildet – die Frauen haben trotz der schwierigen Erfahrungen ihre innere Stärke behalten und so überlebt. Das anzuerkennen kann ein wichtiger Schritt sein.

Wir versuchen in unserem Projekt zusammen mit unseren Klientinnen eine Gemeinschaft zu kreieren und sie auf ihrem Weg bestärkend zu begleiten, selbständig und ihrer Selbst bewusst zu sein und ihre eigenen Ziele und Wünsche in ihrem Leben zu verwirklichen.