Sri-Lanka: Distanz durch Kontinuität

Auf Sri Lanka leben viele verschiedene  ethnische Gruppen – ein Großteil der Bevölkerung sind Singhalesen, etwa 11% sind Tamilen. Seit der Epoche der britischen Kolonialherrschaft ist die Insel von innerstaatlichen Konflikten geprägt, die nach der Unabhängigkeit in den 1980er Jahren in einem Bürgerkrieg mit tamilischen Separatisten im Norden des Landes gipfelten. Die historischen Hintergründe sind zum Verständnis von Ranjis Geschichte notwendig und werden daher kurz umrissen.

Der erste gewählte Premierminister Sri Lankas (Don Stephen Senanayake) betrieb eine innenpolitische Singhalisierung – sri-lankischen Tamil*innen wurden Bürgerrechte und Wahlrecht entzogen, sie wurden faktisch staatenlos. Die Singhalisierung betraf viele Bereiche des Lebens: Sinhala wurde zur einzig gültigen Staatssprache erklärt, Tamil*innen in öffentlichen Diensten und im sozialen Umfeld benachteiligt und verfolgt. Die Vereinigung Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) forderte mehr Rechte für die Tamil*innen, verübte Anschläge auf singhalesische Einrichtungen und wurde schließlich zu einer Terrororganisation erklärt. In den Anfängen des Bürgerkriegs flohen viele Sri Lanker*innen nach Europa, Kanada, Australien oder in die USA.

Aktuell leben ca. 30.000 Sri Lanker*innen in Deutschland (Quelle: Stat. Bundesamt). Die meisten von ihnen sind Geflüchtete des Bürgerkriegs. In einem Gespräch mit unserer Mitarbeiterin Ranji wollen wir erfahren, wie sie die tamilische Diaspora in Deutschland erlebt. Vor dem Gespräch gehen wir davon aus, dass sich eine religiöse oder ethnische Gruppe in einem “fremden” Land zu vernetzen sucht, um so die eigene Kultur zu leben und zu rekonstruieren. Doch ist das die Realität für die tamilische Diaspora?

Ranji kam vor 15 Jahren als Geflüchtete nach Deutschland, wohnt in Karlsruhe und ist mit einem tamilischen Mann verheiratet. Auf die Frage, ob sie sich hier oft mit Menschen aus Sri Lanka trifft, antwortet sie: „Eigentlich nicht.[…]“. Sie  persönlich hat in Deutschland kaum positive Erfahrungen mit Menschen aus ihrer Heimat  gemacht und sich nie aktiv zu Treffen verabredet. Ranji erzählt, dass die unterschiedlichen Lebensstile der Tamil*innen in Deutschland oft Grund von Gerüchten und sozialer Vorurteile sind. Der Sari beispielsweise ist für manche eine traditionelle Pflicht, für andere wiederum umständlich und schwer zu tragen. So kleidet Ranji sich nur an besonderen Feiertagen in einen Sari und legt den traditionellen Goldschmuck an, für den Alltag findet sie dies jedoch wenig praktikabel.

Ihre Einschätzung zu Problemen zwischen sri-lankischen Ethnien und Religionen über die Landesgrenzen hinweg decken sich mit unseren literarischen Recherchen: verschiedene sri-lankische Communities sind auch in Deutschland oft strikt voneinander getrennt. Ranji kritisiert, dass viele Menschen aufgrund des Bürgerkrieges geflüchtet sind, die grundlegenden Auseinandersetzungen  in ihren Einstellungen gegenüber anderen jedoch fortführen. Im Gespräch wird deutlich, dass die sri-lankische und auch die tamilische Gemeinschaft intern stark gespalten sind und sich nicht nur in regionale Herkunft und Kastenzugehörigkeit sondern auch in sozioökonomische Schichten unterteilen. Es gibt also kaum eine gemeinsame “kulturelle Identität“ – eine Erklärung für die geringe Vernetzung der tamilischen Diaspora in Deutschland?

Was die Religion betrifft, so ist sie ein eher geringer Kommunikationsfaktor außerhalb der eigenen Familie. Die in Deutschland lebenden Tamil*innen sind zu etwa 80% hinduistischen und zu 15% katholischen Glaubens. Interessant hierbei ist, dass die Zahl der zum Christentum konvertierenden Hinduist*innen in Deutschland stetig wächst. Es gibt sowohl große tamilisch-christliche Gemeinden (Living Word Church) als auch einige hinduistische Tempel (u. a. in Hamm), die über ganz Deutschland verteilt sind.

Obwohl Ranji nicht gerne über Religion spricht berichtet sie, dass sie nach hinduistischen Glaubensregeln erzogen wurde. Erst nachdem sie ihren Mann kennenlernte, konvertierte sie zum katholischen Glauben. Ranji’s Mann kann sich nicht mit den hinduistischen Traditionen anfreunden, die sie jedoch gerne in Deutschland weiterführen würde. Eine mögliche Erklärung für die Zurückhaltung in der Ausübung der Religion mag in den religiösen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Hindus zu finden sein, die  zwischenmenschlich oft auch in Deutschland  fortgeführt werden. Derlei Konflikte stoßen bei Ranji auf Unverständnis. Ihrer Meinung nach ist Gott alles und jeder Mensch sollte Respekt vor dem Glauben anderer haben. Sie selbst respektiert die katholischen Feiertage und führt zugleich hinduistische Traditionen fort.

Die Grenzen beider Religionen innerhalb eines kulturellen Rahmens sind oft fließend. Während sich Angehörige in Sri Lanka häufig als Kontrahent*innen einander gegenüberstehen, nimmt die eine Religion in der Diaspora Elemente der jeweils anderen an. Katholische Traditionen mischen sich mit hinduistischen. Ein Beispiel aus Ranjis Umfeld: in der Weihnachtszeit werden bei ihr zu Hause nicht nur Plätzchen gebacken, sondern auch tamilische Süßigkeiten zubereitet, die normalerweise nur an besonderen hinduistischen Feiertagen gereicht werden.

Trotz all der Unterschiede zwischen Herkunftsland und Diaspora gibt es eine Gemeinsamkeit, die sich sowohl in der Literatur als auch im Gespräch mit Ranji herauskristallisiert: die Familie. Angehörige vernetzen sich auch über weite Distanzen hinweg, insbesondere über die sozialen Medien. Hochzeiten werden im großen Rahmen zelebriert und familiäre Traditionen auch in Deutschland fortgeführt. Die Erziehung der Kinder erfolgt meist mit einer sehr starken Familienbindung. Der Zusammenhalt und die Werte der Familie sind wichtiger als das Individuum. Sie bietet einen sicheren Rahmen für größere oder kleinere Rituale. So ist beispielsweise die Hilfe beim Wickeln des Saris unter Frauen ein fester Bestandteil festlicher Vorbereitungen. Ranji’s Kinder wachsen sowohl in einem tamilischen/sri-lankischen als auch in einem von der deutschen Kultur geprägten Umfeld auf. Kulinarisch überwiegt jedoch die tamilische Küche: mindestens vier Mal in der Woche werden  tamilische Gerichte gekocht, an den übrigen Tagen gibt es deutsches Essen.

Wie und ob sie hier ihre Kultur auslebt, kann Ranji ad hoc nicht sagen. Was bedeutet Kultur überhaupt? Für sie beinhaltet Kultur vor allem den Respekt voreinander und die Liebe zwischen den Menschen. Für Ranji ist Kultur die Freiheit, anzuziehen was sie will und was ihr gefällt. Das gilt für sie sowohl in Sri Lanka, als auch in Deutschland und über jede Grenze hinweg.