Warum auch dein Feminismus intersektional sein sollte

Die Situation: Ich unterhalte mich mit einem Mann. Soweit nicht ungewöhnlich. Ich erzähle von meiner Masterarbeit zum Thema Intersektionale Diskriminierung. Weiter als die Benennung des Titels komme ich aber gar nicht. Ein paar ungläubiger Augen schaut mich an. “Intersex….?!”

Nein, sage ich, InterSEKTIONalität. – Ach so, ich dachte schon! (Was auch immer ich mit dieser Aussage anfangen soll.)

Was in englischsprachiger Literatur oder in bestimmten geisteswissenschaftlichen Feldern schon als Status quo gilt, haben einige (meines Erachtens nach viel zu viele) Menschen noch nie in ihrem Leben gehört. Das hat vermutlich mehrere Gründe: die eigene Nicht-Betroffenheit, Desinteresse, Machtstrukturen, die die Verbreitung des Begriffes und der dahinterstehenden Theorien verlangsamen oder sogar verhindern, Ablehnung feministischer Theorien, ein rein “weißer” Feminismusbegriff und viele weitere.

Im deutschsprachigen Raum wird Intersektionalität gerne mit “Mehrfachdiskriminierung” gleichgesetzt. Doch auch diese Gleichsetzung ist nicht gerade unproblematisch. Aber beginnen wir von vorne (Achtung! Jetzt wird’s kurz theoretisch.):

Im Jahr 1989 veröffentlicht die US-amerikanische Juristin Kimberlé W. Crenshaw einen Artikel darüber, wie Schwarze Frauen auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt werden, denn viele Unternehmen stellten zwar sowohl Schwarze Männer als auch weiße Frauen ein, aber keine Schwarzen Frauen. Crenshaw zeichnet das Bild einer Straßenkreuzung (engl. intersection), in deren Mitte Schwarze Frauen stehen. Die Straßen, die sich kreuzen stehen sinnbildlich für Rassismus und Sexismus. Während eine weiße Frau oder ein Schwarzer Mann “nur” von einer Richtung her angefahren werden kann, ist die Schwarze Frau der Gefahr aus mehreren Richtungen ausgesetzt. Daher erfindet Crenshaw den Begriff intersectionality – Intersektionalität.

Selbstverständlich haben sich auch vor der Namensgebung durch Crenshaw schon viele Menschen mit der Überkreuzung von Machtstrukturen auseinandergesetzt. Die Wurzel liegt im Schwarzen Feminismus der USA und geht bis auf die Zeit des Sklavenhandels zurück. Um nur einen Bruchteil der Vorreiter*innen zu nennen: Sojourner Truth, Combahee River Collective, bell hooks, Angela Davis, Gloria Anzaldúa. Sie beschreiben in vielfältigen Veröffentlichungen die interlocking systems of oppression – also ineinander greifende Systeme der Unterdrückung bzw. Diskriminierung.

Doch Theorien der Intersektionalität schließen noch andere hierarchische Machtstrukturen mit ein, beispielsweise Klassismus und Heteronormativismus. Strukturelle Benachteiligungen sind demnach miteinander verwoben und lassen sich nicht voneinander trennen, vor allem in einer kapitalistisch orientierten Gesellschaft. Intersektionaler Feminismus bedeutet, bestehende Machtasymmetrien bewusst zu betrachten. (Und ja, auch cis-Männer sind negativ von patriarchalen Strukturen und toxischen Gesellschaftsmechanismen betroffen!)

 

Wenn ich also machtvolle Strukturen analysieren möchte,

wenn ich wissen möchte, warum Gesetze so sind, wie sie sind,

wenn ich wissen möchte, wie mediale Repräsentation funktioniert,

wenn ich wissen möchte, wie dominante Diskurse aufgebrochen werden können,

wenn mich interessiert, warum bestimmte Personengruppen unterdrückt und diskriminiert werden,

wenn ich mich dafür einsetzen möchte, dass das nicht mehr so ist,

wenn ich solidarisch sein möchte,

wenn ich meine eigene Position reflektieren möchte,

dann kann mein Feminismus nicht nur weiß sein.

Dann kann mein Feminismus auch nicht nur reich / mittelständisch oder ablebodied oder cis oder hetero sein. (Alle Begriffe kann man alle ganz schnell googlen.)

Nein.

Dann muss mein Feminismus intersektional sein!

 

Meinem Gesprächspartner habe ich das alles nicht gesagt. Der kann ja schließlich auch mal ein Buch lesen.

 

Anmerkung: 

Die Großschreibung von „Schwarz“ weist darauf hin, dass es kein tatsächliches Attribut ist, also nichts „Biologisches“, sondern dass es eine politische Realität und Identität bedeutet. Zudem wird „Schwarz“ häufig als Selbstbeschreibung genutzt und nicht rein als Zuschreibung. Bei „weiß“ handelt es sich ebenfalls um eine Konstruktion, doch der Begriff stammt nicht aus einer Widerstandssituation. Daher wird „weiß“ als Adjektiv klein und kursiv geschrieben, um die hegemoniale Position des weiß-Seins durch Großschreibung nicht zu verstärken.