Zeitweiliger Abschied von Christoph, unserem Wächter

11.07.1938 - 04.12.2023

Christoph Schneller ist in der Nacht von Sonntag auf Montag völlig überraschend gestorben.

Am Mittwoch davor nahm er noch wach, stark und rege an unserer fka-Klausur teil.

Er hat keinem auch nur ein Wörtchen gesagt … niemand konnte seinen Abschied ahnen.

Christoph der Wächter des fka

Er ist unser Elder, selbst bezeichnet er sich als Wächter.

In Afrika gibt es ein Wort: Reich ist das Haus, das einen Elder hat.

Wir waren reich. Und jetzt?

1987 begründete er zusammen mit anderen, die wir nicht mehr kennen, den Freundeskreis Asyl Karlsruhe, gedacht als einen Ort, ein Haus mit Menschen, wo Geflüchtete offene Herzen und Ohren finden können.
Zusammen entwickelten wir die Leitlinien und öffneten Räume für den fka-Spirit. Unser Erstes Paradigma darin ist das Einbeziehen von Migrant*innen in die Arbeitsteams auf Augenhöhe, und wir haben im Lauf der Dekaden vielen Zuwanderern in Karlsruhe bezahlte Arbeit geben können, ganz abgesehen von Unterstützung für Geflüchtete an gefühlten 1000 Orten. Lange waren auch Angelika und Dankwart von Loeper und Gerhard Schulz-Ehlbeck Weggefährten und Arbeiter im fka.

Aus diesen Anfängen entwickelte sich dann das Menschenrechtszentrum und unsere NGO.

Christoph bekleidete über viele Jahre hinweg das fka-Vorstandsamt.

Und bis zuletzt war er unser Denker und Beschützer.

Christoph im Gespräch

Sein Abschiedswort war dieser Satz und steht heuer auf unserer Weihnachtskarte, wochenlang hat er damit gerungen:                                                                                                                                    

FRIEDE, MEIN DING

Unter den gegebenen Umständen bleibt Friede im Zeichen von Würde, Gerechtigkeit und Freiheit oft Deklaration, ihn zu leben aber bleibt der höchste Anspruch an mich, weil er das Wagnis meines persönlichen Austauschs sogar mit dem Fremdesten verlangt, um erfüllendes menschliches Zusammensein in einer Nähe zu stiften, die ich zunächst vielleicht aushalten muss, doch unter keinen Umständen ausschließe, – einfach, weil ich es will.

Sicher flossen Gedanken über Israel-Palästina hinein, denn in Jerusalem ist er geboren, sein Großvater, Ernst Sellin, ein Archäologe und Theologe, entdeckte Jericho und seine Familie gründete die bekannten Schneller-Schulen, ursprünglich für palästinensische Waisenkinder. Seine Schwägerin betreibt das „Blaue Haus“ in Breisach zum Gedenken an den Holocaust.

Sein Lied ist sein letztes Geschenk an Karlsruhe, an Israel-Palästina, an Ukraine-Russland und an den fka. Seine ureigne Antwort auf die vielen unlösbaren Fragen, die ihn lebenslang quälten, zum Kämpfen antrieben und wachhielten.

Nie aber hat er seine persönliche Vision einer Welt in Harmonie und Schönheit, Mitgefühl und Teilhabe aufgegeben, ihr hat er sein Leben geweiht, bis zum letzten Erdentag.

Als er still und heimlich davonging. Denn Ruhm und Ehre gehörten nicht ihm, so empfand er, sondern den Vielen, mit denen er sich verbunden wusste und ganz besonders den Migrant*innen im fka.
Together we are strong! Das war sein Ruf.

Christoph bei der Preisverleihung 2018 im Kreise von Freunden und Gefährten

Jetzt ringen wir um Fassung. Keiner glaubt an sein Fortgehen. Sein Wesensmerkmal ist seine und damit auch unsere Beständigkeit.

Er ist nicht fort, sondern wechselte nur die Räume.

Christoph mit dem Integrationspreis der Stadt Karlsruhe 2018

Von Drüben wird er uns weiterhin leiten, anspornen und behüten, kritisch und gütig, unermüdlich und liebend, jede und jeden beachtend. Sein 16jähriger abenteuerlicher Aufenthalt in Thailand hat sein Weltbild mitgeprägt, dort ging er selbst in den Mokassins eines Ausländers und dort ist er auch dem TAO begegnet.

Das TAO war sein Leitfaden.

44 (79) in der Fassung von Thomas Cleary:

Wenn du große Feinde

       miteinander versöhnst,

bleibt doch gewiss

       Verbitterung zurück,

wie kann man das für gut erachten?

Drum halten sich einsichtige Menschen an

       ihren Teil der Abmachung

und üben damit auf andere

       keinen Druck aus;

die Wirkungsvollen übernehmen

       die Verantwortung für

       gegebene Zusagen,

die Wirkungslosen übernehmen

       das Eintreiben von Forderungen.

Das Leitprinzip der Natur

       ist unparteiisch;

es ist immer da für gute Menschen.

Wir vermissen Dich schrecklich, aber wir wollen Dich nicht vermissen, wir wollen dem TAO folgen und dort wirst Du mit uns gehen, unser zeitloser, unsterblicher Wächter, und Dein inspirierter Glanz in den Augen wird uns den Pfad beleuchten.

Du hast uns etwas hinterlassen, das wir jetzt aufnehmen müssen.

Priska Löhr
Geschäftsführung und Weggefährtin, mit den Teams

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